Himmel, bin ich nervös. Und ich habe bis
jetzt noch nicht mal eine Ahnung, wie ich zum
Prüfungsort kommen soll - die Wegführung der
Deutschen Bahn AG durch die Wirren der
Baustelle an der Grimmer Straße ändert sich
ja täglich. *bammel*
Trotzdem viele sonnige Grüße,
Janine
Dies war die letzte Nachricht, die wir von Janine
erhielten. Janine hatte sich nach dem Abitur im Wintersemester 2002/2003 an der
Ernst-Moritz-Arndt- Universität für das Jurastudium eingeschrieben. Auf die
Frage, warum sie so weit (800 km) von zu Hause weg wolle, hatte sie gesagt, sie
wolle an keine "Massenuni" und außerdem gäbe es in Greifswald eine
Gerinnungsambulanz (Sie litt an einer Blutgerinnungsstörung). Das klang logisch
und wir akzeptierten es.
Im Oktober 2008 sollte sie nun den schriftlichen Teil des
1. juristischen Staatsexamens absolvieren. Sie verbrachte fast ihre gesamte Zeit
in der Bibliothek, besuchte Vorbereitungskurse und nahm samstags an
Probeklausuren teil. Um sie etwas abzulenken, hatten wir im Juni noch einen
Kurzurlaub in Dresden mit ihr verbracht. Das Bild oben zeigt Janine vor der Porzellanmanufaktur Meissen.
Am 17. Oktober rief unser Sohn bei mir im Büro an. Eine Touristin
hatte Janines Handtasche am Strand von Stubbenfelde auf der Insel Usedom
gefunden und mit dem Handy, das sie darin fand, die zuletzt angerufene Nummer
gewählt ...
Auf meine Veranlassung lieferte die Finderin die Tasche
bei der Polizei in Heringsdorf ab.
In der Tasche wurde neben einem Geldbeutel und dem
Personalausweis eine Fahrkarte der Usedomer Bäderbahn von Greifswald nach
Zinnowitz gefunden. Wie sich aus dem Kontrollstempel ergab, war Janine am Abend
des 15. Oktober (am Vorabend der Prüfung!) auf die Ostsee-Insel gefahren.
Als dann durch Nachfrage bei der Universität festgestellt
wurde, dass Janine nicht zur Prüfung erschienen war, wurde die Suche
eingeleitet. Mit unserem Einverständnis wurde die Wohnung geöffnet, um Kleider als Geruchsprobe
für die Spürhunde zu besorgen.
Die Spürhunde konnten Janine nicht finden, auch
die Suche mit Hubschraubern mit Wärmebildkamera, mit Booten und zu Fuß in den
umliegenden Waldgebieten Usedoms blieb erfolglos. Die Presse brachte täglich
etwas und stellte Vermutungen an, da sich niemand das Verschwinden so kurz vor
dem Staatsexamen erklären konnte.
In der Woche nach ihrem rätselhaften Verschwinden fuhren
wir nach Greifswald. Zusammen mit dem Polizeiseelsorger, Herrn Pfarrer Andreas
Schorlemmer, suchten wir die ermittelnden Polizeibeamten in Heringsdorf auf und
besuchten die Stelle, wo ihre Tasche gefunden worden war.
Nach diesem Kurzbesuch folgte eine quälende Zeit des
Wartens. Im Internet verfolgten wir die Berichterstattung in der Presse und auf
der Info-Seite der Studentenschaft.